Sauertöpfe

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Keiths Herz klopfte heftig.
Nur ruhig, dachte er. Du willst ja keine Bank ausraben.

Du willst ja niemanden kidnappen. Du streichst nur einen Imbißladen orangegelb an.

Er sah die Straße rauf und runter und schaute angestrengt in den frühen Morgendunst.

Alles war grau. Die Häuser waren grau. Die Läden waren grau. Die Autos waren grau. Graue Mietshäuser ragten in einen grauen Himmel.

Seine Ohren taten weh in der kalten Luft.

Das ist der Grund, dachte er. Deshalb sind Mum und Dad solche Sauertöpfe.

Es kommt vom Wetter.

Er zog den Kragen hoch bis über beide Ohren. Fünfunddreißig Jahre lang dieses Wetter sorgt bei allen Leuten für saure Gesichter. Er war erst zwölf Jahre und drei Monate alt, und schon ihm wurde manchmal ganz anders davon.

Na und, redete er sich gut zu, bald geht es ihnen besser. Wenn sie sehen, was ich gemacht habe.

Er sah auf seine Armbanduhr. Viertel nach sieben. Bald ist Mum wach. Dad kommt um acht Uhr vom Markt zurück. Und keiner von ihnen hat die leiseste Ahnung, wie fröhlich sie bald sein werden.

Keith grinste bei dem Gedanken.

Dann drehte er sich wieder zur Ladenfront hin, tauchte den Pinsel in die Dose und strich weiter an.

Die Hochglanzfarbe in Tropisch-Mangogelb breitete sich auf dem langweiligen Braun des Fensterrahmens aus wie flüssiger Sonnenschein.

Keiths Herz schlug schneller. Es sah noch besser aus, als er gehofft hatte.

Während er weiter anstrich, stellte er sich Mums und Dads Gesichter vor, wenn sie das zu sehen kriegten. Beide lächelten von einem Ohr zum andern.

Die großen Hängefalten links und rechts von Dads Mundwinkeln wären mit einemmal verschwunden. Die Sorgenfalten auf Mums Stirn wären einfach weg.

Er stellte sich auf eine Limonadenkiste, um bis oben an den Fensterrahmen zu kommen, und strich das Tropisch-Mangogelb so dick wie möglich auf, damit das Braun darunter nicht durchschimmerte. Wenn sie das sehen, dachte Keith, dann denken sie, die Sonne geht auf.

Da hörte er, wie die Tür vom Nachbarhaus zufiel.

Er drehte sich um. Das war nicht die aufgehende Sonne. Das war Mr. Naylor, ihr Nachbar.

Keith seufzte. Nun ging es los.

Mr. Naylor betrachtete den Anstrich, den Pinsel und den Fensterrahmen in Tropisch-Mangogelb. "Was machst du da?" fragte er argwöhnisch.

Ich bringe Schafen bei, wie man mit Schlachtermessern jongliert, dachte Keith. Dann erinnerte er sich an sein Versprechen gegenüber Mum, daß er zu Mr. Naylor nicht mer so frech sein wollte, jetzt, wo er doch zwölf war.

"Ich streiche unseren Laden an. Zur Feier von Dads Geburtstag. Es soll eine Überraschung werden."

Mr. Naylor sah das Fenster von oben bis unten prüfend an.

"Wird bei dem Wetter sowieso nicht trocken", sagte er.

"Es ist aber scnell trockende Farbe. Sie trocknet mit dauerhaftem Glanz in nur wenigen Stunden. So steht es auf der Dose."

"Gräßliche Farbe", bemerkte Mr. Naylor.

"Der Verkäufer sagte, diese Farbe erinnert die Leute an ihre Sommerferien."

"Sie tropft auf den Bürgersteig." Mr. Naylor schlurfte zur Bushaltestelle.

Keith überlegte, wann Mr. Naylor wohl zum letzten Mal gelächelt hatte. Wahrscheinlich 1847.

Er sah auf den Bürgersteig. Da waren ein paar orangegelbe Flecken. Er rubbelte mit der Fußspitze darüber, aber sie waren schon schrumpelig angetrocknet, wie Puddingpelle. Egal, dachte er. Was sind schon drei Farbspritzer auf dem Bürgersteig gegen den Versuch, zwei Leute glücklich zu machen.

Er ging zur Tür. So eine glatte Fläche anzustreichen, war sehr angenehm. Bei den Fensterrahmen hatte er manchmal ganz schön gewackelt.

Er tauchte den Pinsel tief ein und trug große Farbkleckse auf.

Er sah im Geiste vor sich, wie Mum und Dad, immer noch selig lächelnd, nach Lewisham fahren und sich bunte Klamotten kaufen und zur Feier von Dads Geburtstag eine Party veranstalten würden. Nur für sie drei. Sie würden ihre alten Platten hervorholen, die von den Rolling Stones und andere aus dieser Zeit. Dann würden Mum und Dad tanzen. Er hatte sie noch nie tanzen sehen.

Die Ladentür strahlte, und Keith strahlte auch.

Ein Hand steckte neben ihm eine zusammengerollte Zeitung in den Briefkasten.

"Ich finde das Zeitverschwendung."

Keith suefzte.

Mitch Wilson ging um ihn herum und steckte eine Zeitung in Mr. Naylors Briefkasten.

"Ist in einer Woche doch bloß alles wieder drekkig."





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